The Last Goze - Eröffnungsfilm des 23. JFFH

Mit unserem Eröffnungsfilm The Last Goze widmet sich das 23. Japan-Filmfest Hamburg einem beinahe in Vergessenheit geratenen außergewöhnlichen kulturellen Erbe. Eine Goze war eine blinde Künstlerin, die zum Klang einer Shamisen (japanische dreisaitige Laute) klassische japanische Geschichten und Lieder rezitiert. Regisseur Masaharu Takizawa hat sich mit der Verfilmung von The Last Goze, der wahren Lebensgeschichte der 2005 im Alter von 105 Jahren verstorbenen blinden Künstlerin Haru Kobayashi, einen lang gehegten Traum erfüllt. Mit dem Tod der als Lebender Nationalschatz verehrten Kobayashi erlosch eine Jahrhunderte alte Tradition. 

Schönheit und Leid einer untergegangenen Kultur

Wie in so vielen Gesellschaften hatten Menschen mit Behinderung auch im feudalen Japan keinen leichten Lebensstart. Da sie häufig nur wenig zu ihrem Unterhalt beitragen konnten, fielen sie in Zeiten von Hungersnöten und blutigen Bürgerkriegen ihren Eltern und dörflichen Gemeinschaften schnell zur Last. Wurde ein Kind mit Behinderung in einer armen Familie geboren, galt dies daher als Fluch der Götter, als Bestrafung durch Geister und Dämonen. Oftmals wurden die Neugeborenen dann ausgesetzt und dem Tode überlassen. Solche Praktiken mögen aus heutiger Sicht grausam erscheinen, entstanden aber aus größter Existenznot heraus in einer durch Kriegsherren, Seuchen und Missernten verwüsteten Welt. Eine Sonderstellung in der mittelalterlichen Gesellschaft nahmen hingegen schon früh die Menschen mit einer Erblindung ein. Ihnen wurde eine besondere Nähe zum Jenseits, zu den Ahnen und Göttern nachgesagt, weshalb sie als spirituelle Vermittler, als Schamane oder Geisterbeschwörer verehrt wurden. So konnten sie dem Schicksal eines frühen Todes entgehen. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich ganz spezifische Berufsbilder heraus, etwa blinde Masseure und Künstler, wie speziell diese besondere Art einer Musikerin.

Ein eigenständiges kulturelles Erbe

Im 16. und 17. Jahrhundert entstand daraus mit der Goze schließlich ein komplexer ausgefeilter Berufsstand mit eigenen Traditionen und kulturellen Regeln. Eine Goze musste, bevor sie sich eine Meisterin nennen konnte, über viele Jahre von einer älteren Goze als Schülerin angeleitet werden. Dieser Unterricht begann meist schon in sehr jungem Kindesalter. In der Regel entstammten die Anwärterinnen sehr armen mittellosen Familien, die sich einerseits so eines hungrigen Mundes entledigen konnten und andererseits das Wohlwollen der Ahnen sichern konnten. Teil des Unterrichts war – ganz ähnlich der Tradition der Geishas – auf Anmut ausgerichteter Tanz, das Spielen der Shamisen (dreiseitige Langhalslaute), Tsuzumi (Handtrommel) oder Flöte, sowie kunstvoller Gesang, das Vortragen klassischer japanischer Lieder oder das Rezitieren von Volksdichtungen und Märchen. Diese intensive Ausbildung konnte 10 bis 20 Jahre in Anspruch nehmen. In ihrer rein weiblich geprägten Gemeinschaft waren die Goze auf gegenseitige Unterstützung zur Bewältigung des Alltags angewiesen, was ihre Beziehungen besonders eng und vertraut werden ließ. In vielen Regionen Japans organisierten sie sich schließlich zu Zünften, die in Zeiten der Not fest zusammenhielten.

Lebenslange Wanderschaft  

Der beschwerliche Alltag einer Goze wurde durch lebenslange Wanderungen durch das ländliche Japan geprägt, ständig auf dem Weg von einem Auftritt zum nächsten. Normalerweise trat eine erfahrene Goze mit mehreren ihrer Schülerinnen gemeinsam auf. Während die Meisterin die Shamisen spielte und Lieder vortrug, tanzten dazu begleitend ihre Schülerinnen zum Rhythmus der Tsuzumi. Schwerpunkt ihres Wirkens waren im Sommerhalbjahr Volksfeste aller Art, wo sie zum Teil auch in größeren Gruppen zusammenkamen. In den kalten Wintermonaten zogen sie übers Land von Dorf zu Dorf, um Unterkunft bei Bauern oder in Gasthäusern zu erbitten. Da es als besondere Ehre galt, eine Goze zu beherbergen, die durch ihre Nähe zur Geisterwelt besonderes Glück verhieß, waren sie stets gern gesehene Gäste. Einer Goze die Gastfreundschaft zu verwehren hätte bedeutet, den Zorn von Ahnen und Dämonen auf sich lenken. Etwas, das die abergläubische Bevölkerung tunlichst vermeiden wollte. In den kalten, von Langeweile erfüllten Winternächten brachte eine Goze zudem mit ihren Darbietungen auch ein wenig Abwechslung in den Alltag einer bäuerlichen Gesellschaft.

Moderne Zeiten

Im Laufe des 20. Jahrhunderts begann sich die Kultur der Goze nach und nach aufzulösen. Zum einen natürlich, da die Konkurrenz moderner Unterhaltungsmedien übermächtig wurde. Waren es vor dem Zweiten Weltkrieg das Kino und das Radio, kam mit der Erfindung des Fernsehens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der endgültige Todesstoß. Zum anderen wurde mit der Einführung eines Sozialstaates nach westlichen Standards die Möglichkeiten eines blinden Menschen, seinen Lebensunterhalt zu gestalten, in Japan deutlich erweitert. Die Integration behinderter Bürger in die Breite der Gesellschaft wurde selbstverständlich, und so fehlte es an Nachwuchs, da immer weniger Familien ihren Kindern eine solch harte Ausbildung zumuten wollten. Dies lag natürlich auch an dem neuen höheren Stellenwert des einzelnen Kindes, der mit dem starken Geburtenrückgang ab den 1960er Jahren einherging. Nicht zuletzt ermöglichten es schließlich die revolutionären Fortschritte in der Medizin, dass immer weniger Menschen das Schicksal der Erblindung erleiden mussten.

Unwiderbringlich verloren

Innerhalb der 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand eine Jahrhunderte alte Tradition, schleichend und zunächst fast unbemerkt. Als es der Gesellschaft bewusst wurde, welcher kultureller Schatz dort verloren geht, war es fast schon zu spät. So gibt es nur wenige authentische Filmaufnahmen der Auftritte einer Goze. 2005 erlosch mit dem Tod der 105 jahre alten Haru Kobayashi, der letzten klassisch ausgebildeten Goze-Meisterin Japans, endgültig ein Jahrhunderte altes, in ihrer Komplexität so auf der Welt einmaliges kulturelles Erbe. Anders als der blinde Masseur, man denke an zahlreiche Auftritte einer Figur wie z. B. Zatoichi in den klassischen Samurai-Streifen, oder die auch heute noch international japanische Exotik verkörpernde Geisha, fand die Goze popkulturell nur wenig Beachtung. Herausragende Ausnahmen sind zum Beispiel Masahiro Shinodas Ballad of Orin (1977) oder der Chambara-Film Ichi (2008) von Fumihiko Sori. Heute ist deshalb selbst den meisten Japanern die Existenz dieser außergewöhnlichen Tradition unbekannt. Umso großartiger ist es, dass sich Regisseur Masaharu Takizawa nun mit seinem Spielfilm The Last Goze dieses Erbes annimmt, um es zumindest mit den Mitteln des Kinos vor dem Vergessen zu bewahren. Es freut uns, dieses außergewöhnliche emotionale Kinomeisterwerk als unseren Eröffnungsfilm auf dem 23. JFFH präsentieren zu können.

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